Glukose und Ketone mit einem Sensor: Was der Libre Duo leisten kann

Das Wichtigste in Kürze
Der Libre Duo ist der erste Sensor, der Glukose und Ketone gleichzeitig im Gewebe misst – laut Hersteller jede Minute.
Er hat im Mai 2026 die CE-Kennzeichnung erhalten; in den USA folgte im August 2026 die Zulassung.
Zwei Varianten: bis zu 15 Tage Tragedauer ab 18 Jahren, bis zu 10 Tage ab 2 Jahren.
Ketonwerte über 1,5 mmol/l gelten als Warnsignal, über 3,0 mmol/l als Notfallbereich.
Vorgesehen für Menschen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes unter Insulin oder SGLT2-Hemmern.
Wann der Sensor in Deutschland verfügbar ist und ob die Kasse zahlt, ist noch offen.
Wer mit Typ-1-Diabetes lebt, kennt die Frage: Liegt der hohe Zuckerwert nur an der letzten Mahlzeit – oder bahnt sich gerade eine Ketoazidose an? Bisher half nur ein Blick auf ein separates Keton-Messgerät, das viele gar nicht griffbereit haben. Ein neuer Glukose-Keton-Sensor soll beide Werte künftig dauerhaft und gemeinsam sichtbar machen.
In eigener Sache: Wir stellen in unserem Blog neue Entwicklungen der Diabetestechnologie vor, damit Sie gut informiert mit uns entscheiden können. Das DGZO verdient nicht am Verkauf von Sensoren, Pumpen oder anderen Diabetesprodukten und erhält für diesen Beitrag keine Vergütung von Herstellern. Welches System zu Ihnen passt, entscheiden wir gemeinsam – unabhängig von Marke und Hersteller.
Warum Diabetologie und Gefäßmedizin hier zusammengehören: Im DGZO betrachten wir Stoffwechsel, Technik und Folgeerkrankungen gemeinsam. Sensordaten, Insulintherapie und Medikamente wie SGLT2-Hemmer, die auch Herz, Nieren und Gefäße schützen, werden in einem Plan zusammengeführt.

Ketoazidose: so zeigt sich die gefährliche Stoffwechselentgleisung
Fehlt dem Körper Insulin, kann er Zucker nicht mehr verwerten und verbrennt stattdessen Fett. Dabei entstehen Ketone, vor allem Beta-Hydroxybutyrat. Steigen sie stark an, übersäuert das Blut – eine diabetische Ketoazidose (DKA) entsteht. Typische Zeichen sind:
starker Durst und häufiges Wasserlassen
Müdigkeit, Schwäche, Kopfschmerzen
Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen
obstartiger Geruch der Atemluft (Aceton)
tiefe, schnelle Atmung
Benommenheit bis hin zur Bewusstlosigkeit
Eine Ketoazidose entwickelt sich oft innerhalb weniger Stunden. Die frühen Zeichen ähneln einem Magen-Darm-Infekt – genau deshalb wird sie häufig zu spät erkannt.
Wer von Ketonmessung besonders profitiert
Menschen mit Typ-1-Diabetes
Bei Typ-1-Diabetes produziert der Körper kein eigenes Insulin mehr. Schon wenige Stunden ohne ausreichende Insulinzufuhr können eine Ketoazidose auslösen. Typische Auslöser:
Insulinpumpe mit verstopftem oder abgeknicktem Katheter: Pumpen geben nur schnell wirksames Insulin ab, ein Langzeit-Depot fehlt. Fällt die Zufuhr aus, steigen die Ketone besonders rasch.
Infekte, Fieber, Erbrechen: Der Insulinbedarf steigt, gleichzeitig wird oft weniger gegessen und Insulin reduziert.
Vergessene oder falsch dosierte Insulingaben
Kinder und Jugendliche, die Beschwerden noch nicht klar beschreiben können
Ein dauerhaft gemessener Ketonwert zeigt einen Anstieg, bevor Beschwerden auftreten – und nicht erst, wenn jemand daran denkt, mit dem Teststreifen nachzumessen.
Menschen mit Typ-2-Diabetes unter SGLT2-Hemmern
SGLT2-Hemmer (z. B. Empagliflozin, Dapagliflozin) senken den Blutzucker über die Niere und schützen nachweislich Herz und Nieren. Eine seltene, aber ernste Nebenwirkung ist die euglykämische Ketoazidose: Die Ketone steigen stark an, während der Blutzucker nur leicht erhöht oder sogar normal ist. Der Zuckersensor allein schlägt dann keinen Alarm. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) weist ausdrücklich auf dieses Risiko hin – besonders bei Operationen, akuten Erkrankungen, Fasten oder starker Kohlenhydratreduktion.
Genau hier liegt der Mehrwert der kombinierten Messung: Normaler Zucker plus steigende Ketone – dieses Muster wird erst sichtbar, wenn beide Werte gemeinsam gemessen werden.
Ausblick: SGLT2-Hemmer bei Typ-1-Diabetes
In der EU ist derzeit kein SGLT2-Hemmer für Typ-1-Diabetes zugelassen; die frühere Zulassung von Dapagliflozin für diese Gruppe wurde 2021 zurückgenommen. Ein wesentlicher Grund war das erhöhte Ketoazidose-Risiko. Sollten diese Medikamente künftig wieder für Typ-1-Diabetes in Frage kommen, könnte eine kontinuierliche Ketonmessung eine wichtige Sicherheitsvoraussetzung sein. Das ist ausdrücklich ein Ausblick, keine aktuelle Empfehlung.
Technik: so misst der Glukose-Keton-Sensor
Zwei Messwerte, ein Sensor
Der Libre Duo misst im Unterhautfettgewebe sowohl Glukose als auch Beta-Hydroxybutyrat, das wichtigste Keton bei der Ketoazidose. Laut Hersteller werden beide Werte jede Minute aktualisiert und an die Libre-App auf dem Smartphone übertragen. Ein zweiter Sensor oder ein separates Keton-Messgerät ist im Alltag nicht mehr nötig.
Varianten und Tragedauer
Libre Duo: bis zu 15 Tage Tragedauer, für Erwachsene ab 18 Jahren
Libre Duo 10 Day: bis zu 10 Tage Tragedauer, ab 2 Jahren
Alarme und Grenzwerte
In der US-Zulassung warnt das System bei Ketonwerten über 3,0 mmol/l sowie bei sehr niedrigem Zucker unter 55 mg/dl. Welche Alarmschwellen in Europa einstellbar sind, ist noch nicht veröffentlicht. Zur Einordnung gelten für Beta-Hydroxybutyrat im Blut diese Orientierungswerte:
unter 0,6 mmol/l: unauffällig
0,6 bis 1,5 mmol/l: leicht erhöht – Insulin korrigieren, viel trinken, engmaschig kontrollieren
1,5 bis 3,0 mmol/l: Ketoazidose droht – sofort ärztlich Rücksprache halten
über 3,0 mmol/l: Notfall – umgehend ärztliche Behandlung
Wichtig: Der Hersteller betont, dass der Ketonwert immer zusammen mit dem Glukosewert bewertet werden soll. Bei Beschwerden zählt das Befinden, nicht allein die Zahl auf dem Display.
Daten teilen
Werte lassen sich über die bekannten Libre-Plattformen mit Angehörigen und mit der Praxis teilen. Für Eltern von Kindern mit Typ-1-Diabetes ist das besonders nachts relevant.
Kompatibilität mit Insulinpumpen und AID-Systemen
Automatische Insulindosiersysteme (AID, „Closed Loop") brauchen einen kompatiblen Sensor. Abbott hat für die USA Anbindungen angekündigt:
Ende 2026: Beta Bionics (iLet) und Sequel Med Tech (twiist)
2027: Insulet (Omnipod), Tandem und Medtronic (MiniMed)
Für Europa werden zusätzlich Gespräche mit Ypsomed genannt. Diese Zeitpläne gelten zunächst für den US-Markt. Welche Pumpen in Deutschland wann mit dem neuen Sensor arbeiten, ist noch offen. Ebenfalls offen ist, ob die Algorithmen der Pumpen die Ketonwerte aktiv nutzen – etwa um bei steigenden Ketonen einen Katheterdefekt zu melden – oder ob der Ketonwert zunächst nur angezeigt wird. Gerade für Pumpenträger mit Typ-1-Diabetes wäre eine solche Verknüpfung ein echter Sicherheitsgewinn.
Ablauf im DGZO: in 4 Schritten zur passenden Technik
Bestandsaufnahme: Wir besprechen Ihre Therapie, bisherige Ketoazidosen, Pumpe oder Pen und Ihre Medikamente.
Datenauswertung: Ihre aktuellen Sensor- und Pumpendaten werten wir gemeinsam aus.
Risikoplan: Sie erhalten klare Regeln für Krankheitstage, Ketonwerte und Pumpenausfälle.
Schriftlicher Plan: Sie bekommen eine herstellerunabhängige Empfehlung, welche Technik zu Ihnen passt – auch dazu, ob ein Wechsel auf einen Glukose-Keton-Sensor sinnvoll ist, sobald er verfügbar ist.
Mehr zu unserem Vorgehen lesen Sie auf der Seite Digitale Diabetespraxis sowie unter Typ-1-Diabetes mit AID und CGM und Behandlung bei Typ-2-Diabetes.
Kurzfazit zu "Glukose und Ketone mit einem Sensor: Was der Libre Duo leisten kann"
Die gleichzeitige Messung von Zucker und Ketonen schließt eine Lücke, die bisher nur der Teststreifen gefüllt hat. Den größten Nutzen erwarten wir bei Typ-1-Diabetes mit Insulinpumpe und bei Behandlung mit SGLT2-Hemmern. Ob und wann die Technik in Deutschland zur Kassenleistung wird, verfolgen wir für Sie.
Häufige Fragen zur kombinierten Glukose- und Ketonmessung
Ersetzt ein Glukose-Keton-Sensor die Ketonmessung mit Teststreifen?
Für den Alltag weitgehend ja, für Notfälle sollten Sie Ihr Blutketon-Messgerät vorerst behalten. Sensorwerte im Gewebe können dem Blut zeitlich etwas hinterherlaufen, und bei unklaren Werten bleibt die Kontrollmessung im Blut sinnvoll.
Ab welchem Ketonwert muss ich handeln?
Ab 0,6 mmol/l sollten Sie Insulin korrigieren und engmaschig kontrollieren, ab 1,5 mmol/l ärztlich Rücksprache halten. Werte über 3,0 mmol/l oder Erbrechen mit erhöhten Ketonen sind ein Notfall.
Warum kann es unter SGLT2-Hemmern trotz normalem Zucker zur Ketoazidose kommen?
SGLT2-Hemmer scheiden Zucker über den Urin aus und senken so den Glukosewert, während die Ketonbildung weiterlaufen kann. Deshalb fällt eine Ketoazidose am Zuckerwert allein oft nicht auf – die Ketonmessung macht sie sichtbar.
Zahlt die Krankenkasse den neuen Sensor?
Das ist derzeit noch nicht entschieden. Der Sensor ist in Deutschland noch nicht im Handel; über die Erstattung entscheiden die Krankenkassen erst nach Markteinführung.
Wer berät mich im DGZO zur Diabetestechnologie?
Die Beratung übernehmen Dr. med. Michael Fiedler, MHBA, und Dr. med. Ulrike Stützer, beide Diabetologen DDG. Wir beraten herstellerunabhängig und orientieren uns an Ihrer Therapie und Ihrem Alltag.
Termin und Vorbereitung
Sie tragen eine Insulinpumpe, nehmen einen SGLT2-Hemmer oder hatten bereits eine Ketoazidose? Dann lohnt sich ein Gespräch über Ihre Technik und Ihren Krankheitstag-Plan. Vereinbaren Sie einen Termin zur Diabetesberatung im DGZO.
Bitte mitbringen: Vorbefunde, aktuellen Medikationsplan, Zugang zu Ihren Sensor- und Pumpendaten (z. B. LibreView, CareLink, Glooko) und ggf. eine Überweisung. Bitte vorab ausfüllen: die Online-Anamnese – so starten wir im Termin direkt mit der Auswertung.
Termin online buchen: https://www.dgzo-berlin.de/termin Telefon: 030 24334370
Quellen und Leitlinien
Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): S3-Leitlinie Therapie des Typ-1-Diabetes. AWMF-Register-Nr. 057-013, Stand [MM/JJJJ – vor Veröffentlichung prüfen]. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/057-013
Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes. AWMF-Register-Nr. nvl-001, Stand [MM/JJJJ – vor Veröffentlichung prüfen]. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/nvl-001
Deutsche Diabetes Gesellschaft: Praxisempfehlungen der DDG, jährlich aktualisiert. https://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): SGLT2-Inhibitoren – Risikobewertung diabetischer Ketoazidosen. https://www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RV_STP/s-z/sglt2-hemmer.html
Medizinisch geprüft von Dr. med. Michael Fiedler, MHBA, Facharzt für Innere Medizin und Angiologie, Diabetologe (DDG, LÄK) · Stand: Oktober 2026
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Produktangaben beruhen auf Herstellerinformationen und Zulassungsmeldungen (Stand Oktober 2026) und können sich bis zur Markteinführung in Deutschland ändern. Bei akuten Beschwerden wenden Sie sich an den ärztlichen Bereitschaftsdienst 116117, im Notfall an die 112.


